Star Trek war mehr als eine Serie
Als Jugendlicher war Star Trek für mich etwas Besonderes. Das Original mit Kirk war sehr actionlastig, aber The Next Generation hatte etwas, das ich damals nicht benennen konnte, das mich aber nie losgelassen hat: ruhige Episoden, in denen nichts explodierte und trotzdem alles auf dem Spiel stand.
„Wem gehört Data?” – ein Gerichtsprozess darüber, ob ein Androide eine Person ist oder Eigentum der Sternenflotte. Riker muss gegen seinen eigenen Freund Data argumentieren und tut es auch noch gut. Als junger Mensch habe ich da zum ersten Mal verstanden, dass eine Frage wichtiger sein kann als ihre Antwort.
„Die Überlebenden” – die Folge mit dem alten Ehepaar Uxbridge. Ein friedfertiges Wesen verliert seine geliebte Frau Rishon, rächt sich so schrecklich, dass die Vorstellung von Strafe sinnlos wird – und erschafft sich die Tote als Illusion, um mit ihr weiterzuleben. Als Picard am Ende einfach geht, weil keine Strafe größer sein könnte als die, die sich das Wesen selbst auferlegt hat.
„Hexengericht” – Admiral Satie verwandelt eine Sabotage-Ermittlung in eine moderne Hexenjagd, bis Picard sie mit ihren eigenen Worten stellt: „With the first link, the chain is forged.” Die Folge lief 1991. Ich schaue sie mir heute an und sie wirkt aktueller als damals.
Und natürlich „The Inner Light” (Stewarts eigene Lieblingsfolge): Picard wird von einer Sonde getroffen und lebt ein ganzes anderes Leben – Jahrzehnte, eine Familie, Kinder, Enkel, Alter, Abschied. Dann wacht er auf, und es sind zwanzig Minuten vergangen. Übrig bleibt eine Flöte.
Zukunftsoptimismus mitten im Kalten Krieg
Man muss sich die Zeit noch mal vor Augen führen: The Next Generation startete 1987. Die Welt war geteilt in Ost und West, die Raketen waren scharf, und im Fernsehen liefen meist entweder Helden mit Waffen oder Endzeit-Szenarien.
Und da kam diese Serie und behauptete: Die Menschheit schafft es. Kein Geld, kein Hunger, keine Kriege mehr auf der Erde. Der frühere Erzfeind Klingonien ist Verbündeter. Der beste Captain ist nicht der, der am schnellsten zieht, sondern der klügste Diplomat. Das war kein naives Wunschdenken – das war ein mutiger Gegenentwurf in einer Zeit, in der eine solche Erzählung fast schon als provokant durchging.
Ich glaube, ein ganzer Haufen Trekkies hat dort seinen moralischen Kompass kalibriert. Nicht weil Picard unfehlbar war – sondern weil er zweifelte, zuhörte und trotzdem entschied.
Der Mann hinter der Figur
Was ich an Patrick Stewart bewunderte: Er hat nie zwischen „hohem” und „genrehaftem” Schauspiel unterschieden. Der Mann kam von der Shakespeare-Bühne, von der Royal Shakespeare Company – und hat einem Raumschiff-Captain dieselbe Ernsthaftigkeit gegeben wie Shylock oder Macbeth, und später Professor Xavier dieselbe wie Picard. Siebzig Jahre Handwerk, ohne Primadonnen-Allüren.
Es gibt einen Satz, den ich nie vergessen habe. In der Folge „Peak Performance” (Staffel 2) verliert Data ein Strategiespiel gegen den überheblichen Zakdornier Kolrami und ist irritiert – er habe keinen Fehler gemacht, also müsse er defekt sein. Und Picard antwortet:
„It is possible to commit no mistakes and still lose. That is not a weakness; that is life.”
Das ist für mich der tiefste Satz, der je in einer Science-Fiction-Serie gefallen ist. Und er gilt heute mehr denn je.
Abschied
Picard war für viele von uns keine TV-Figur, sondern eine Art anderes Vatermodell: rational, fair, wissbegierig, unbestechlich. Patrick Stewart hat diesem Modell ein Gesicht und eine Stimme gegeben.
Jetzt ist er fort. Ende der Episode? Nein – die Geschichten laufen in uns weiter:
Au revoir, mon capitaine. Und gute Reise durch die unendlichen Weiten.